Das Authentische als Kunst – Mommartzfilme 1967 – 2006

Kuratiert von Hermann Gabler und Wolfgang Obermair.

Zuerst traut er sich nichts zu. Dann bemerkt er, dass er einige Sachen besser kann als andere. So wurde er z.B. erfolgreicher 100 m- Läufer, und als er sich im Kopf Filme auf die Wand projiziert, sieht er „Eisenbahn“. Er fragte rum, ob es den Film nicht längst schon gäbe. Da keiner ihn kannte, drehte er ihn. So ging es mit vielen seiner   frühen Filme. Er drehte sie neben seinem Beruf als Beamter bei der Stadtverwaltung Düsseldorf. Das Geld aus dieser Arbeit reichte fürs Filmen, das nach internationalen Erfolgen, z.B. auf dem legendären Festival in Knokke die weitere Finanzierung sicherte.

Als Filmer erkannte er den Primat der Politik an und begann in den folgenden Jahren gut gemeinte schlechte Filme zu machen.

1977 war die Balance gefunden. In „Der Garten Eden“ einem fast dreistündigen Dokumentarfilm über den Niederrhein mit trivialen Portraits, mit der Frage: wo ist der Garten Eden und überhöhten Landschaftsbildern gelingt der utopische Aspekt. Dafür gabs – wie schon vorher für „Als wär’s von Beckett“ – einen silbernen Bären.

1980 wünschten Mommartz wohlmeinende den großen Durchbruch als Spielfilmer bei dem Projekt „Tango durch Deutschland“ mit Eddie Constantine. Dass das nicht gut gehen konnte, war ihm klar. Denn das Filmidol Eddie hatte mit seinen Vorstellungen nichts zu tun. Es war eine Verlegenheitsbesetzung, weil er seit Jahren den richtigen nicht gefunden hatte und zufällig auf Eddie traf, der einen neuen Altersstil `à la Buster Keaton‘   suchte. Auch bei der Kamera mußte improvisiert werden, als die Filmförderung den Film unter Dampf setzte.

Das Unmögliche zu probieren aber reizt ihn.

Danach wandte Mommartz sich wieder seiner Domäne zu, Menschen aufzufordern, sich zu zeigen: Menschen in experimentellen Situationen.

In „Jeder Mensch ist ein Tisch, nur, ich bin ein Stuhl“ demonstrieren sie ihr Scheitern als Einzelne angesichts der Aufgabe, die uns allen gestellt ist.

1985 greift er mit „Marmor bleibt immer kühl“ anlässlich der Entstehung eines Denkmals für Gustaf Gründgens nochmal das Verhältnis des Künstlers zur Macht auf. Nach Portraits seiner Studenten in der Toskana, nach manch launiger Spielerei mit der 16 mm Kamera beginnt in den 90-er Jahren eine neue Ästhetik. Mit Videomalerei und langen Videodokumentationen in China und auf Kuba zeigt er Wandel und Stillstand, bevor er mit seinen Studenten in die Märkische Schweiz fährt, dort „Buckow“ erkundet, wo sie auf den Mann treffen, der Hitler verbrannte.

In den letzten Jahren entstanden „Ohne Titel“, die zufällige Aufnahme einer Frau, die auf den nächtlichen Ramblas in Barcelona zwischen Passanten wie ein Schmetterling hin und her flattert und „Margrets Film“, das Dokument seiner sterbenden Lebensgefährtin.“

(Lutz Mommartz)

Programm

Raum 1
Fensterbild 1992/97 (60 min)

Raum 2
Galerie Monitor rechts
Die Treppe (7 min) 1967
Markeneier (5 min) 1967
Oben/Unten (3 min) 1967
Tanzschleife (2 min) 1967
Der Finger (4 min) 1967
Immatrikulation (6 min) 1968
Weg zum Nachbarn (11 min) 1968
Selbstschüsse (7 min) 1967
Zweileinwandkino (12 min) 1968
Galerie Monitor mitte
Eisenbahn 1967 (14 min) Endlosschleife
Galerie Monitor links
Soziale Plastik (11 min) 1969
Altersporno (5 min) 1970
Spanienkrimi (4 min) 1970
Haircut (6 min) 1974
Die Angst am Rhein (7 min) 1974
Mietersolidarität (4 min gekürzt) 1972
Denkmäler (9 min gekürzt) 1972
Beuys-Bense-Bill-Arnold Gehlen (3 min gekürzt) 1972

Raum 3
Als wär’s von Beckett (23,20 min) 1975

Raum 4
überfordert (gekürzt 18 min) 1968
400 m IFF (gekürzt 14 min) 1969
Die Tänzerin (Ausschnitt 7 min) 1992/97
Der Garten Eden (156 min) 1977
Tango durch Deutschland (gekürzt ca 35 min) 1980
Jeder Mensch ist ein Tisch, nur, ich bin ein Stuhl (gekürzt ca 47 min) 1982
Marmor bleibt immer kühl (gekürzt ca 34 min) 1985
Die Italienische Jagd (28 min) 1985
Anziehen (1 min) 1985
Focus (4 min) 1987
Vier kleine Stücke (gekürzt ca 9 min) 1988
Angst unter den Sternen (kurze Ausschnitte ca 5 min) 1988
El periodo especial (kurze Ausschnitte ca 10 min) 1993/97
Tausend Scherben (kurze Ausschnitte ca 10 min) 1993/97
Fenster zum Hof (gekürzt ca 4 min) 1996
Ohne Titel (23 min) 2003
Margrets Film (13 min) 2006/07
(geschätzte Länge insges. ca 420 min)
Raum 4 Monitor in der Ecke hinten: Einslive (60 min) 1997

Ellen Cantor, John Cussans Whitby Weekender / Dance Lesson

STARGATE: Der kunstbunker Nürnberg eV. präsentiert am Freitag den 18. Mai 2007 um 20.00 Uhr als Auftakt zur Blauen Nacht den Film Whitby Weekender von Ellen Cantor und John Cussans. Ellen Cantor und John Cussans werden anwesend sein und eine Einleitung zu ihrem Film geben, der die britische Musik- und Undergroundbewegung „Northern Soul“ beleuchtet. Anschließend Northern Soul Party mit DJ Andy Cummings und Jorge Lewis (London).

Am Samstag, den 19. Mai 2007 zur Blauen Nacht: Wird die Videoinstallation „Whitby Weekender Dance Lesson“ von Ellen Cantor und John Cussans gezeigt. Um Mitternacht findet eine „Tanzstunde“ mit den DJ´s Andy Cummings und Jorge Lewis statt.

Während der kommenden Woche, bis einschließlich Sonntag dem 27. Mai, wird täglich Whitby Weekender als Installation zu festen Vorführzeiten nachmittags und abends zu sehen sein.

Kuratiert von Wolfgang Obermair.

unburied reburied

Lynda Benglis, Hansjörg Dobliar, Wade Guyton, Werner Herzog, Imi Knoebel, Christian Kobald, Svenja Kreh, Robert Longo, Elias Merhige, Friedrich Wilhelm Murnau, Anselm Reyle, Markus Selg, Katja Strunz, Gert und Uwe Tobias, Jens Wolf, Birthe Zimmermann, Elmar Zimmermann, Heimo Zobernig

Äußerliche Kategorien haben für die Feststellung von Bedeutsamkeit gerade von junger und jüngster Kunst wieder enorm an Bedeutung zugelegt. Die Einordnung über Medium oder Format spielt dabei eine ebenso große Rolle wie eine leichte Verortbarkeit etwa mit Hilfe von Herkunft, Galeriezugehörigkeit oder über Szenezusammenhänge. Solche Kategorien entscheiden neben der Vermarktbarkeit von Kunst als diskursiver wie ökonomischer Ware zugleich über Erfolg und Qualität eines künstlerischen Entwurfs und dessen Wirkungsradius.

Dass zwischen vor allem sich selbst befeuernden Konstellationen wie Markt und Museum oder Prestige und Event, Kunstsammlern und -verwaltern, Atelier und Medialisierung oder Schöpfern und Entrepreneurs eine beunruhigende Tendenz zur Verdinglichung stattfindet, ist so wenig verwunderlich wie die neokonservativen Rufe nach Konkretion und begrifflich-griffiger Eindeutigkeit. Gerade, wenn sich dazu gleichzeitig die ständigen Prophezeiungen eines Endes der Kunst mit den hoffnungsvollen Beschwörungen des wieder einmal ganz Neuen, Abgesang und Werbe-Jingle mischen: Soundtrack zur vermarkteten Restauration.

Die Ausstellung unburied/reburied verhält sich innerhalb dieses Klimas kritisch-affirmativ. Sie bezieht einerseits Stellung für aktuelle, junge künstlerische Ansätze, die mittels „Retro-Mechanismen“ Sichtbarkeit und Bedeutung herstellen. Zum anderen gibt die Einbeziehung bereits historisch signifikant gewordener künstlerischer Entwürfe (mit Arbeiten von Lynda Benglis, Imi Knoebel, Robert Longo, Heimo Zobernig) einen Blickpunkt vor, von dem aus ästhetische Verfahren und thematische Setzungen gerade auch in ihrer Bedingtheit wieder sichtbar werden.

unburied/reburied ist der zweite Teil eines viel beachteten Ausstellungsprojekts, das von der Gruppenschau dead/undead (GalerieSixFriedrichLisaUngar, München, 15. April – 17. Juni 2005) eingeleitet wurde. Dabei stand die Feststellung von „Retro-Mechanismen“ samt deren zeitlicher Situiertheit im Vordergrund. Mit veränderter Künstlerliste und angepasster Werkauswahl verlagert die Ausstellung im Nürnberger kunstbunker e. V. die Perspektive.

unburied/reburied fragt am Beispiel von Aneignungsprozessen ganz allgemein nach dem Material der Kunst, erkundet die Überlebenstechniken der Untoten trägt dabei die Fetische Authentizität und Original als falsche Versprechen zu Grabe.

Kuratiert von Hans-Jürgen Hafner.

Blauer Himmel, Weiße Decke – James Benning: 10 skies

Blaue Nacht, 07.05.05

Die Konzeption im Kunstbunker Nürnberg e.V. ist in zwei miteinander korrespondierenden Ausstellungsbereichen aufgeteilt. Eine Raum zeigt eine Videoprojektion mit sich in kurzen Zyklen wiederholenden Aufnahmen eines Werbeshootings vor der noch sichtbaren BlueBox. Er erfüllt die Funktion eines Vorzimmers, das eine kurze Verweildauer provoziert.
Ein weiterer Bereich ist ein zum Kino umgestalteter , abgetrennten Bereich des Kunstbunkers . Dieses „Hinterzimmer“ kann nur dann betreten werden wenn sich der Besucher für eine der zwei Vorstellungen von James Bennings „Ten skies“ entscheidet und bereit ist sich die Zeit zu nehmen, den ca. 100 minütigen Film, der „nur“ 10 Einstellungen unterschiedlicher Himmel zeigt ganz anzusehen. Exklusivität und die Hochwertigkeit des Filmes und der Vorführsitutation spielen dabei eine entscheidende Rolle. „Blauer Himmel, weiße Decke“ thematisiert jenseits von formalen Bezügen zwischen beiden Arbeiten unterschiedliche Betrachungssituationen von Kunst und macht sie zur zentralen Fragestellung für die Blaue Nacht.

Kuratiert von Hermann Gabler und Wolfgang Obermair.

Holger Bunk

zu meinen Arbeiten

Als Entwürfe für meine Bilder aber auch als eigenwertige Skizze halte ich meine Bildvorstellungen in Zeichnungen fest. Der Zeichenstrich erschafft die Wirklichkeit der Dinge und entzieht ihnen die Wirklichkeit dadurch, daß Dinge, die eigentlich nicht sein können in dieser Kunstrealität sichtbar werden. Es geht also schon im Entwurf um Auffächerung und Staffelung verschiedener Wirklichkeiten.
Die Auswahl meiner Bildmotive entspricht einer solchen Auffächerung von Realitätsgraden: Wenn ich eine triviale Vorlage abmale, bleibt die Trivialität des Motivs erhalten, die Malerei ist aber eine andere Sache. Die Dissonanz zwischen dem Trivialmotiv und meiner verhältnismäßig aufwendigen Malerei verunsichert die (ansonsten) gängige Geringachtung des Trivialen.
Mir gefällt es, daß das Banale, Irrgläubige, Fehlerhafte so zumindest wieder ein offeneres, (weniger stark moralisch bewertetes) Verhältnis zum Komplizierten, Differenzierten, Logischen bekommt, und daß die Angst vor dem schlechten Geschmack überwunden wird.
Der James-Dean-hafte Fotoheld und der hl. Sebastian (für mich ist z.B. Sebastian nicht nur ein christlicher Märtyrer, sondern der Martyrer der perspektivischen Malerei = von Bicken wie von Pfeilen durchbohrt fallen in meinem Bild in eins zusammen. Sie kommen nicht mehr aus verschiedenen Welten, die sich nichts zu sagen haben.
Für mich als Maler geht der Versuch, die Bildgegenstände in Kommunikation zu bringen bis in die Mittel der Maltechnik: Grisallle-Untermalung liegt offen neben Ölfarbe, Primamalerei neben Lasur, Ich versuche nicht nur die Bildmotive, sondern auch die Eigenschaften der Bildmittel für sich bestehen und doch aneinander teilhaben zu lassen.
Holger Bunk, Juni 82

Kuratiert von Hermann Gabler.