TORSTEN SLAMA – Learning from Progress

Eröffnung am Mittwoch, den 26. August 2026, 19 Uhr

Die Ausstellung „Torsten Slama – Learning from Progress“ möchte anstoßen, was zu Lebzeiten des Künstlers weitgehend ausgeblieben ist: eine breitere Rezeption des eigenständigen, ja in vieler Hinsicht singulären Werks von Torsten Slama (1967-2023), das unserer Ansicht nach nicht hinreichend erfasst werden kann, wenn man sich auf seine herausragendsten Aspekte – die seit den frühen 1990er Jahren entstandenen Zeichnungen und Gemälde – beschränkt.

Slama, Absolvent der Düsseldorfer Kunstakademie, arbeitete vor allem als Maler und Zeichner, was sich in seiner Ausstellungsbiografie deutlich abbildet. Eine solche oberflächliche Übersicht zeigt auch, dass der Künstler bevorzugt in thematischen Zyklen und in einer strikt auf diese bezogenen Medialität vorging. Die dabei entstandenen Zeichnungen und Gemälde weisen einen hohen Grad an bildkonzeptioneller und zeichen- bzw. maltechnischer Durcharbeitung auf, die sogar noch die Präsentationsform der Arbeiten – ihre Rahmung und Installation – durchwirkt. Schon sehr früh bezog Slama allerdings auch den Computer als künstlerisches Medium ein, das er einerseits für die Bildherstellung nutzbar machte, um damit Renderings, Animationen aber auch grafische Gestaltungen herzustellen. Andererseits begriff er digitale Technologien in einem kulturellen und strukturellen Sinn als intellektuelle Herausforderung, mit Implikationen, die ihn weit über die Kunst hinausführten.

Wesentliche Impulse bezog Slama auch aus der Auseinandersetzung mit synthetischer, nicht-referenzieller Klangerzeugung, die typisch für die „Neue“, „elektronische“ Musik etwa eines Karlheinz Stockhausens war. Dieses sehr spezifische Interesse schlug sich nicht nur in der bildenden Kunst Torsten Slamas nieder – etwa in seiner frühen, multimedialen Installation „Stop Ylem“, die 1993 in der Kölner Galerie Daniel Buchholz zu sehen war –, sie berührte auch außerkünstlerische Bereiche, wenn er zum Beispiel, nicht zuletzt zur Sicherung seines Lebensunterhalts, die Gestaltung der Benutzeroberfläche der digitalen Kompositionssoftware Ableton Live entwickelte und damit wesentlich zur Außenwirkung der mittlerweile zum Standard elektronischer Musikproduktion gewordenen Software beitrug. Diese Gestaltung entwarf er gleichwohl nicht nur im Medium Computer, sondern zuerst in delikaten Zeichnungen von Bedienelementen, die sich im Nachlass erhalten haben.

Dieses spezifische, im pop-affinen Kunstbetrieb der 1990er Jahren aber nicht exklusive Interesse mag auch einen Hinweis darauf liefern, warum es ausgerechnet der kunstbunker Nürnberg ist, der diese postume Ausstellung ausrichtet und nicht etwa – wie man mit Blick auf die wichtigen Lebensstationen Slamas vielleicht eher erwarten könnte – ein rheinisches Kunstmuseum oder ein Berliner Kunstverein. Denn im September 1997 war Slama in der Kunsthalle Nürnberg zu Gast und hielt dort seinen Vortrag „Form und Schönheit. Elektronische Musik – Computermusik. Fragen an die Technik“, den man im Rückblick getrost als lecture performance, mithin als spezifisch künstlerische Form, beschreiben kann. Slamas Präsentation fand im Rahmen eines von Jörn Bötnagel und Eva Meyer-Hermann (damals Direktorin der Kunsthalle) konzipierten Projekts statt, an dem mit verschiedenen Installationen sowie einem umfangreichen Film-, Musik- und Performanceprogramm u. a. Dirk Bell, Walther Dahn, Claus Föttinger, Lothar Hempel, Manfred Pernice, Andreas Schulze, Dirk Skreber und Rosemarie Trockel beteiligt waren. Es war dieser in Form und Inhalt gleichermaßen irritierende Auftritt, der bei einem der beiden Kuratoren des aktuellen Projekts die Aufmerksamkeit für die Arbeit Slamas weckte.

„Torsten Slama – Learning from Progress“ ist nicht ausschließlich auf die „Meisterwerke“ fokussiert, die der Künstler in den fünfundzwanzig Jahren seines professionellen Schaffens in durchaus stattlicher Zahl vorgelegt hat. Diese fanden vor allem im kommerziellen Segment des Kunstbetriebs – in zahlreichen Galerieausstellungen in Köln, Berlin, Hamburg und New York – durchaus Beachtung, allerdings ohne allzu viele Spuren in der Kunstkritik zu hinterlassen oder dem Künstler auch institutionelle Ausstellungen einzuspielen.

In der von Hans-Jürgen Hafner und Clemens Krümmel kuratierten Schau geht es vielmehr darum, das Werk von seinen Außenkanten her zu beschreiben und als künstlerisches Projekt zu diskutieren, das seine Brisanz auch daraus bezieht, dass es nur zum Teil innerhalb der Kunst erfasst werden kann.

Slama beschäftigte sich neben der bildenden Kunst und ihrer Geschichte und neben der Theorie und Praxis elektronischer Klangerzeugung und Programmierung auch intensiv mit Psychologie, Soziologie, Utopismus, apokrypher Spiritualität, Sexualkunde, Karikatur und Animation, mit alternativer Geschichtsschreibung, Zukunftsforschung und Science-Fiction als Themenfeldern, die in seinen sorgfältig konstruierten, aber durchgehend rätselhaften, ja beunruhigenden Zeichnungen und Gemälden immer wieder aufblitzen. Dieses Wissen konnte er teils erfolgreich auch außerhalb der künstlerischen Tätigkeit zur Anwendung bringen, teils gehört es aber auch zu deren unartikulierten Aspekten.

Der Bildkünstler Slama verfügte souverän über zeichnerische, malerische und gestalterische skills, die sich gegenüber dem allgemeinen Trend, künstlerischen Fortschritt am Grad des de-skilling – also der bewussten Infragestellung künstlerischer Kernkompetenzen zu messen – widerständig verhielt. Hierin mögen sich seine Erfahrungen an der traditionell handwerklich und an Qualitätsproduktion orientierten Ausbildung an der Kunstakademie Düsseldorf, seine künstlerische Schulung u. a. durch Fritz Schwegler, Alfonso Hüppi und (kurzfristig) Gerhard Richter widerspiegeln. Doch zeigt das Studium seiner Zeichnungen und Gemälde – die tatsächlich entschlüsselt und nicht einfach angeschaut werden wollen –, wie konsequent der Künstler über Jahre hinweg verschiedene Themenkreise weiterverfolgt, in Motivwahl, Komposition und verschiedenen Medien variiert und bildweise aus Genre-, Motiv- und Stilaneignungen wie aus eigenen Findungen konstruiert hat. Slamas zugleich altmeisterliches und experimentelles Vorgehen kann man durchaus mit den Prozessen vergleichen, die Computer-generierten Bildern (CGI) hinterlegt sind – in der Art, wie Schauplätze eingerichtet, Figur und Hintergrund, Thema und Nebenthemen in Beziehung gesetzt und dann wie auf einer Drehbühne umkreist werden, um danach in der für ideal befundenen Konstellation zur Ausarbeitung zu kommen. Dieser Ausarbeitung gehen, wie sich anhand der im Nachlass erhaltenen Skizzen nachvollziehen lässt, sorgfältige Detailstudien voraus, in denen unterschiedliche An- und Aufsichten, Perspektiven, Kolorierungen und Schraffuren auf ihre Tauglichkeit erprobt werden.

Der kristalline Realismus der Neuen Sachlichkeit oder des Hyperrealismus der 1960er und 1970er Jahre kollidierte mit einem Hang zum Exaltierten, Fantastischen und regelrecht Perversen, gerade wenn Slama die Protagonisten und selteneren Protagonistinnen seiner Bilder Umgebungen der Beobachtung, der sozialen Kontrolle und des Zwangs durch natürliche und übernatürliche Kräfte aussetzte – oder sie gleich in das Genre des Comics, der Groteske oder der Karikatur hineinwob, wenn er sich über Adaption der Handschrift eines anderen Künstlers wie über eine durch Distanz angedeutete „Humorkritik“ scheinbar buchstäblich auf den US-amerikanischen Cartoonisten Don Martin (1931–2000) oder das visuelle Universum der MAD-Comics bezieht.

Ein weiterer Aspekt, den die Ausstellung nur ausschnittweise beleuchten kann, ist, dass Slama sehr wohl eingebunden und aktiver, wenngleich oft erratischer Mitgestalter eines künstlerischen Milieus war, das das Bild der zeitgenössischen Kunst in der Bundesrepublik Deutschland um die Jahrtausendwende wesentlich geprägt hat. Er hat mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen kooperiert, ohne dass es im Ergebnis dabei immer zu einer belastbaren „Werkform“ gekommen wäre. Obskur bleiben etwa die improvisierteren Aktivitäten in der Düsseldorfer „Gruppe Oliver“ mit Simone Letto und Jan Schüler. Doch hat er auch gemeinsam mit Kai Althoff als heute vielleicht berühmtestem Akteur der Kölner Szene der 1990er Jahre in der Kopenhagener Galerie Nicolai Wallner das gemeinsame Ausstellungsprojekt „Zur ewigen Lampe“ realisiert, das vom geteilten Interesse der Künstler an juvenilen Gegenkulturen zeugt. Zusammen mit Katja Davar trat er als „Klangskulpturengruppe Quadroforum“ – mit entsprechend klingendem Resultat – bei dem maßgeblich von Cosima von Bonin orchestrierten 1. Grazer Fächerfest in Erscheinung. Für das kurzlebige, von Lothar Hempel betriebene Singles-Label Startrax entwarf er das Cover einer Split-7“-Platte mit Cobbler (i. e. Justus Köhncke) und Engelhardt/Seef/Davis Coop (alias von Kai Althoff). Als Autor steuerte er fiktionale, kunst- und theoriebezogene Texte zu Publikationen von Künstlerkolleg*innen bei, entwarf Kataloge und Einladungskarten oder machte sich als oft nur zu erahnende, aber durchaus praktisch helfende Hand ebenso wie als intellektuelle Herausforderung und soziale Zumutung in den Werken, Texten und Handlungen anderer bemerkbar.

Die Ausstellung „Torsten Slama – Learning from Progress“ erhebt keinen Anspruch darauf, das Werk von Torsten Slama erschöpfend zur Darstellung zu bringen, oder es als Gegenstand der kunstkritischen Deutung und kunstbetriebshistorischen Einordnung hinreichend zu erfassen. Es geht darum, es in die kunsthistorische Rezeption zu bringen, zu der Zugang zu finden vielleicht auch heute nicht unbedingt leichter wird, wenn Torsten Slama, ein nicht ganz untypisches Kind der späten Bonner Republik und etwas zu spät gekommener Boomer, als weiß, männlich und heterosexuell gelesen werden muss, der nun mal gern gemalt und gezeichnet hat. Auch wenn es – womöglich zu – nahe liegen mag, ihn als artist‘s artist zu verstehen, der im Kreis der Künstlerschaft, aber selten darüber hinaus mit mitunter durchaus ablehnender Anerkennung rechnen kann, ist auch dieses Konzept längst kein Qualitätsausweis mehr, mit dem sich den kunstbetrieblichen Dringlichkeiten der unmittelbaren Gegenwart begegnen ließe.

Dennoch lässt sich, mit Torsten Slamas eigenen Worten, durchaus vom Fortschritt lernen, wenn man ihn nicht mit den Geschmacks-, Gesinnungs- und Meinungskonjunkturen der jeweiligen Gegenwart verwechselt.

Zu der Ausstellung „Torsten Slama – Learning from Progress“ haben, ihrem Thema und Gegenstand entsprechend, viele Künstlerinnen, Kollegen, Galeristinnen und Sammler, Autorinnen und Kunstkritiker, Programmierinnen und Musiker, Freundinnen und die Familie des Künstlers beigetragen und geholfen, das Bild zu schärfen, das sich von Torsten als Künstler und Mensch heute re- und de-konstruieren lässt. Gestochen scharf – und dennoch nicht leicht einzusehen – sind die Bilder, die er schuf.

Der Dank der Kuratoren gilt insbesondere Sabine Slama, der Schwester des Künstlers, und ihrem vielfach hilfreichen Partner Ralf Schüller, sowie Renate Goldmann von VAN HAM Art Estate, die den Löwenanteil der Exponate bereitgestellt haben. Großer Dank gilt den Leihgeber*innen Vera Gliem und Alexander Schröder. Besonders danken möchten wir für ihre Beiträge (und manchmal auch Nichtbeiträge) in künstlerischer, kommunikativer und archivalischer Form: Gerhard Behles, Jörn Bötnagel, Daniel Buchholz, Luis Campaña, Alice Creischer, Katja Davar, Dominic Eichler, Stefan Ettlinger, Claus Föttinger, Manuel Graf, Markus Heidingsfelder, Lothar Hempel, Robert Henke, Manfred Hermes, Toby Kamps, Alex Klug, Svenja Kreh, Susanne Leeb, Angela Lohrey (Kunsthalle Nürnberg), Gabriele „Mo“ Loschelder, Achim Mohné, Angelika Nollert, Bernd Roggendorf, Alexander Roob, Viola Rusche, Jan Schüler und Katharina Wulff.

Das mit dem Düsseldorfer Melton Prior Institut (www.meltonpriorinstitut.org) angestoßene Projekt wurde vom Kunstfonds e. V. in Bonn sowie vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien großzügig unterstützt.

Hans-Jürgen Hafner arbeitet als Ausstellungsmacher, Autor und Kunstkritiker in Berlin. Er ist Mitglied im Vorstand des kunstbunker – forum für zeitgenössische kunst e. V. Nürnberg.

Clemens Krümmel arbeitet als Autor, Kurator und Übersetzer in Berlin. Mit Alexander Roob betreibt er in Düsseldorf das Melton Prior Institut.