… verändern kann man eigentlich wenig – Harhammer, Härtl, Nagel, Jurkiewitsch

…verändern kann man eigentlich wenig
Wolf D. Harhammer hat in den 1970er und 80er Jahren ein umfangreiches fotografisches Werk geschaffen, das zu seiner Zeit jedoch nur wenig Beachtung fand. Erst nach seinem 80. Geburtstag wurden seine Fotografien zum Teil „wiederentdeckt“ und im Jahr 2024 in einer Ausstellung im Museum Folkwang in Essen im Kontext fotografischer Positionen aus den letzten 100 Jahren gezeigt, weitere institutionelle Aufmerksamkeit folgte, große Teile von Harhammers Archiv sind jedoch nach wie vor unerschlossen. Von Mai bis Juli zeigt der kunstbunker e.V. Teile einer frühen Serie von 1973 mit über 100 Aufnahmen aus der Kunstakademie Stuttgart. Harhammer hat parallel zur Anfertigung der Aufnahmen eine kleine soziologische Studie durchgeführt, die man bis vor einigen Jahren vielleicht als eine Variante der so genannten Institutionskritik bezeichnet hätte. Er verteilte Fragebögen unter seinen Kommiliton*innen, in denen er sie zu ihrem familiären Hintergrund, ihren Zielen, den Gründen für ihre Entscheidung Kunst zu studieren und Ähnlichem befragt hat. Auf diese Art und Weise künstlerisch zu arbeiten war von der politisch motivierten Infragestellung bürgerlicher Institutionen und Überzeugungen geprägt, die stark im gegebenen historischen Kontext verwurzelt scheinen. Transkripte aller erhaltenen ausgefüllten Fragebögen werden ebenfalls in der Ausstellung gezeigt.

Die so erfolgte Erfassung der unterschiedlichen Motivationen (und Illusionen) bei der Entscheidung einen bestimmten Studiengang zu wählen kann aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Auf der einen Seite steht die – nach wie vor selten thematisierte – Frage nach dem familiären Hintergrund, der Klassenzugehörigkeit; den Traum vom Aufgehen in der „freien Kunst“ muss man sich, real wie symbolisch, zuallererst einmal leisten können, das gilt heute mehr denn je. Andererseits stellt eine derartige Untersuchung natürlich auch einen Versuch dar, die subjektiven, den Individuen nur zum Teil (oder überhaupt nicht) zugänglichen Motivationen und Phantasmen, die zur Entscheidung für „Kunst“ führten, in Register von Bürokratie und Statistik zu übersetzen – wie vergeblich ein solches Unterfangen aus psychoanalytischer Sicht auch immer erscheinen mag. In der Rückschau, stellen sich auch weitergehende Fragen zur sozialen Reproduktion und zur Persistenz von schon lange als dysfunktional erkannten gesellschaftlichen Konstellationen. Ein Begleitheft zur Ausstellung mit Texten zu den einzelnen Beiträgen soll dazu anregen, Überlegungen zu diesen Fragen weiter zu vertiefen.

Broschüre …verändern kann man eigentlich wenig (pdf)

In der Ausstellung werden die oben beschriebenen Arbeiten von Auszügen aus drei weiteren Fotoserien Harhammers begleitet, die den Fokus auf soziokulturelle Phänomene ihrer Zeit legen. Daneben ist Renate Härtls filmische Analyse der beruflichen Perspektiven von Absolvent*innen von Kunsthochschulen von 1980, die der Ausstellung ihren Titel gibt, zu sehen, sowie Beiträge von Leonie Nagel und Julius Jurkiewitsch, die ähnliche Fragestellungen zum gesellschaftlichen und ökonomischen Status von künstlerischer Arbeit und den Verheißungen und Frustrationen des Kunststudiums aus heutiger Sicht verhandeln. Kuratiert wurde die Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Anna Holtz, Wolf Harhammers Tochter, die dieses Projekt überhaupt erst ermöglicht hat.

Der Titel der Ausstellung – „…verändern kann man eigentlich wenig“ – klingt, bezogen auf den Kontext, der hier beschrieben wird, natürlich erst einmal bestürzend negativ, er sagt aber eben gleichzeitig, dass man nicht nichts verändern kann. Die realistische Beschreibung der gegebenen Verhältnisse kann nicht nur dazu beitragen, vorhandene Spielräume besser nutzbar zu machen, sondern perspektivisch auch, diese zu vergrößern.

 

Sonntag, 5. Juli, 16 Uhr
Videoscreening in der Ausstellung

kpD, Kamera läuft!, 2004, 32 Min.
Der Film besteht aus fünfzehn ausführlichen Interviews mit prekär beschäftigten Kulturschaffenden in Berlin, die auf einem aktualisierten Fragebogen der militanten Arbeiterbefragungen in Italien der 1960er Jahre basieren. Die Interviews wurden gekürzt und von SchauspielerInnen in einer inszenierten Casting-Situation in Zürich vor der Kamera interpretiert. Der Film macht deutlich, dass die Frage nach der Verbesserung von Lebens- und Arbeitsbedingungen bis heute nichts an Aktualität verloren hat.

kpD (kleines postfordistisches Drama / Berlin) entstand im Rahmen der Ausstellung Atelier Europa, die im Frühjahr 2004 im Kunstverein München stattfand und bestand aus Brigitta Kuster, Isabell Lorey, Marion von Osten und Katja Reichard. kpD richtet den Blick auf den gesellschaftlichen Kontext, in dem sich KulturproduzentInnen heute positionieren müssen, da sie zunehmend zu Rolemodels wirtschaftlicher Privatisierung und einer Ökonomisierung des Sozialen stilisiert werden.
(mehr zu kpD: The Precarization of Cultural Producers and the Missing „Good Life“ by kpD – transversal.at / When the Common Ground Seems Shattered: From Self-Precarisation to Partial Relationality in kleines postfordistisches Drama and Precarias a la Deriva by Sarah Charalambides, Goldsmith College, London)

Michael Franz, I AM YOU, 2018/2024, 25 Min.
Der Film I AM YOU ist eine Suche nach einer Sprache über Kunst. Gemeinsam mit Studierenden und Lehrenden nimmt Michael Franz dabei eine Situation in den Blick, die er selbst aus verschiedenen Perspektiven kennt: Das Arbeitsgespräch oder Klassentreffen in der Kunsthochschule, „Crit“ und Diskussion dessen was man sieht und darüber, wie man gemeinsam drüber sprechen könnte. Der Film zeigt die Dynamiken, Abläufe und das Vokabular des Gesprächs auch als Teil eines Skripts, das „Kunststudium“ heisst. Dabei spannt sich ein visuelles und sprachliches Netz der Beziehungen und Bezugnahmen auf, bei denen Sprechen und Sprache, Verkörpern und Meinen als Faktoren des Sprechens über die eigene Arbeit hervortreten. Realisiert zusammen mit Studierenden aus Leipzig und Nürnberg, 2018/2024.

 

Ein herzlicher Dank gilt dem gesamten Team des Kunstbunkers und allen, die an diesem Projekt beteiligt waren!

Mit freundlicher Unterstützung der zumikon-Kulturstiftung Nürnberg

 

Ausstellungsinformation/Werkliste/Raumplan (pdf)

Dokumentation bei Contemporary Art Library

alle Fotos (außer, wo anders angegeben): repro-photo.net