Eröffnung am Mittwoch, den 26. August 2026, 19 Uhr
Nachrufe auf verstorbene Künstlerinnen und Künstler bilden heute einen wesentlichen Teil des Diskurses über zeitgenössische Kunst, weisen aber nicht etwa auf einen Generationen-, sondern einen Epochenwechsel hin. Der frühe Tod des Künstlers Torsten Slama 2023, der zu seinen Lebzeiten für viele ein wichtiger Einfluss war, blieb irritierenderweise von dieser Tendenz unberührt und wurde eigentlich nur in dessen engerem Umfeld, bei seiner Familie, bei Freund*innen und Kolleg*innen wahrgenommen.
Torsten Slama (1967-2023) war Maler und Zeichner. Der Künstler bezog aber schon früh die moderne Kultur der Maschinen und vor allem die neue Technologie des Computers als sein künstlerisches Bezugsfeld ein. Digitale Technologien begriff er als eine dringende intellektuelle, kreative und psychische Herausforderung, mit Konsequenzen, die ihn weit über das Künstlerische hinausführten. Slamas künstlerische Praxis lässt sich im Rückblick kaum von Tätigkeiten abgrenzen, die seinem Broterwerb dienten – etwa bei seiner Gestaltung von Erscheinungsbild und Benutzeroberfläche der heute weltweit führenden digitalen Musiksoftware Ableton Live zu Beginn der 2000er Jahre. Seine delikaten Entwurfszeichnungen der Bedienelemente haben sich im Nachlass erhalten und gehören trotz (oder wegen) ihres außerkünstlerischen Ursprungs zu den wichtigen Exponaten dieser Ausstellung.
In der Nürnberger Schau soll Slama als Widersprüche nicht scheuender, sondern suchender Geher vieler Wege in und neben der Kunst vorgestellt werden. Es geht darum, sein Werk für eine weit tiefergehende Beschäftigung zu empfehlen, als das zu Lebzeiten des Künstlers stattfand. Denn sein vorrangig in Zeichnung und Malerei angesiedeltes Werk birgt viele Arbeiten, Projekte und Vermittlungsweisen, die über ein gewöhnliches Malerleben hinausgehen: digitale Animationen, plastische Werke, eigene und im Auftrag realisierte Grafikdesigns, Soundarbeiten, Installationen, Texte und Vorträge. Dazu zählte im Laufe seines Lebens auch eine Reihe künstlerischer Zusammenarbeiten, etwa mit Kai Althoff, Katja Davar oder Katharina Wulff.
Wie uns sein Nachlass zeigt, ist Torsten Slama Protagonist eines Milieus, in dem verschiedene Binde- und Fliehkräfte aufeinander gewirkt haben. Seinem Studium bei Fritz Schwegler an der Kunstakademie Düsseldorf verdanken sich zahlreiche persönliche und professionelle Beziehungen etwa zu Lothar Hempel, Svenja Kreh oder Jan Schüler; Köln als früher und späterer Lebensmittelpunkt brachte ihm wichtige Momente von Anziehung und Abstoßung mit Akteur*innen der rheinischen Kunstszene – und auch mit der damals virulenten Musikszene. Damals begann er auch Installationen, Zeichnungen und Gemälde u. a. in der Kölner Galerie Daniel Buchholz und bei Lukas & Hoffmann in Berlin zu zeigen. Ein legendärer Vortrag zu „Form und Schönheit“ elektronisch erzeugter Musik führte ihn u. a. ans Frankfurter Städel – und 1997 auch in die Kunsthalle Nürnberg.
In den 2000er Jahren setzten sich die Galerist*innen Vera Gliem, Karin Günther und Dennis Kimmerich mit großer Energie für Slamas idiosynkratische Werke ein, die der Künstler zumeist ausstellungsspezifisch in thematischen Zyklen entwickelte und zugleich außerhalb der linearen Zeit, mit Rückgriffen auf entlegene Sci-Fi-Theorien, alternative Architektur- und Technikgeschichte, Kybernetik und Exotismus ansetzte, bei gleichzeitig enormer Sensibilität für politische Dynamiken und gesellschaftliche Zwänge.
Die von Hans-Jürgen Hafner und Clemens Krümmel kuratierte Ausstellung entspringt einem Rechercheprojekt mit dem Ziel, das zu Lebzeiten des Künstlers in zahlreichen Ausstellungen präsente bildkünstlerische Werk erneut sichtbar zu machen, zugleich aber auch in einen Kontext mit den anderen, teils erfolgreich außerhalb der Kunst zur Anwendung gebrachten, teils unartikulierten Aspekten seiner Arbeit zu bringen.
Denn Torsten Slama beschäftigte sich als mit Neugier und Ambition, Scham, Hybris und Selbstzweifeln behafteter, maximalistischer Kulturforscher intensiv mit Psychologie, Soziologie, Utopismus und Dystopismus, apokrypher Spiritualität, Sexualkunde, verwob seine Lektüren mit Stilen, die er der Karikatur, dem Film und der Animation entnahm und erweiterte sie um Theorie und Praxis elektronischer Klangerzeugung und Programmierung, alternativer Geschichtsschreibung, Zukunftsforschung. Es ist ein absichtsvoll hermetisches Themenfeld, das in seinen sorgfältig konstruierten, aber stets rätselhaften, ja beunruhigenden Zeichnungen und Gemälden immer wieder aufscheint und auch in dem Sinn eine Gegenwelt präsentiert, die sich gegen den in den 1990er Jahren durchaus oft praktizierten Kunstausstieg, aber auch gegen künstlerische Milieu- und Szenebildungen richtete. Die Ausstellung versammelt neben einigen privaten Leihgaben vor allem Arbeiten aus dem Nachlass des Künstlers, der bei VAN HAM Art Estate in Köln aufbewahrt wird. Diese Ausstellung könnte ohne die vielfältige Unterstützung zahlreicher Freund*innen und Kolleg*innen, persönlicher und professioneller Weggefährt*innen des Künstlers nicht realisiert werden. Ihnen verdanken sich wichtige Informationen, Hintergründe und Hinweise zu Leben und Werk Torsten Slamas.
Eine Publikation ist in Vorbereitung.
Besonderer Dank gilt Sabine Slama und Ralf Schüller – sowie Renate Goldmann und ihrem Team bei VAN HAM Art Estate. Das mit dem Düsseldorfer Melton Prior Institut (www.meltonpriorinstitut.org) angestoßene Projekt wurde vom Kunstfonds e. V. Bonn großzügig unterstützt.