Georg Winter / Stefan Burger / Dürrer / 20.4 - 17.5.2009

Kuratiert von Peter Wendl.

Die Ausstellung lässt sich mit einem Wort von James Hutton einleiten. Hutton war erfolgreicher Geschäftsmann Ende des 18 Jahrhunderts: Er verabschiedete sich jedoch aus der Wirtschaft, als er es sich leisten konnte – eine Sache, die anscheinend gar nicht so leicht ist.
Hutton jedenfalls betätigte sich fortan als Amateurgeologe.
Er stellte die Theorie auf, dass Berge durch Hitze entstehen – was zumindest im Angesicht eines Vulkans eine gewisse Wahrheit haben mag.
Warnend und auch ein wenig einschränkend für seine teils recht gewagten Thesen räumt er jedoch ein : „The earth is very old“
Damit bezieht er sich jedoch nicht nur auf die unglaublich langen Zeitspannen, die es ihm etwa unmöglich machen, die Kontinentaldrift oder Erosionsprozesse zu beobachten.

Vielmehr dient ihm sein Sinnspruch als Steilvorlage zum lyrischen Exkurs, etwa wenn er feststellt: There’s no vestige of a beginning, no prospect of an end.” [James Hutton, 1795] Es gibt keine Überreste vom Anfang und keine Vorausschau aufs Ende.
In diesem Zustand der zeitlichen Verlorenheit und empirischen Geiselhaft gilt es jedoch nicht zu resignieren und sich Irrglauben oder Heilslehren hinzugeben, sondern man muss angreifen und das Gegenwärtige, – das was da ist – in den Fokus nehmen. Für Hutton bedeutet dies Stichproben nehmen, Probebohrungen setzen. Das ist einerseits hemdsärmelig – so wie man’s ja auch will vom Amateur – zum anderen ist es aber auch ein Plädoyer für die Arbeit an der Antwort.

Frei nach Hutton könnte man sagen: Erkenntnisse sind nicht in Stein gemeißelt, sondern müssen erst aus ihm herausgehauen werden…
Heute rangieren Huttons Schriften nicht mehr am Gipfel der geologischen Diskussion – trotzdem erfährt er als Poet gewisse Würdigung:
Zweihundert Jahre nämlich nach Veröffentlichung seines Forschungsberichts, der im Übrigen den bescheidenen Titel:
„Theory of the earth“ trägt – 200 jahre danach also zitiert ihn die amerikanische Punk-Band Bad Religion, indem sie das

There’s no vestige of a beginning, no prospect of an end

zur Refrainzeile des Songs No Control macht. Etwas deutlicher formuliert findet man Hutton dann auch innerhalb der Strophen wieder:

„History and future are the comforts of our curiosity
but here we are
Rooted in the present day, rooted in the present day
Questions that besiege us in life are testament of our helplessness“

Geschichte und Zukunft sind also die Bequemlichkeiten unserer Neugier, wir aber sind verwurzelt in der Gegenwart und die Fragen, die wir an das Ungreifbare adressieren, bezeugen unsere Hilflosigkeit.

Ich stimme nun ein in den Chor von Bad Religion – nämlich, dass der Tunnelblick auf Geschichte (aber auch der aufs contemporary) etwas mit neugieriger Passivität zu tun hat und dass man zur Beschäftigung in und mit der Gegenwart eine gehobene Verantwortung hat – nicht aber um Geschichten zu produzieren, die gleich der Neugier des Publikums zugeworfen werden.
Sondern vielmehr weil die angesprochene Hilflosigkeit, die sich in den uns belagernden Fragen ausdrückt, nur durch Aktivität aufgelöst werden kann. Ein Modus übrigens ohne den weder Geschichte noch Zukunft denkbar sind.

In ihrem Ausstellungs- oder auch Forschungsdesign ermöglichen es Georg Winter und Stefan Burger dem Besucher nun beiden Aspekten – also dem der Bequemlichkeit und dem der Aktivität – nachzuspüren.
Zum einen findet sich die Dokumentation mancher ihrer Forschungen, die ich hier mal als Bildarchäologie bezeichnen will – zum anderen, gilt es in diesen Bildern, die ja nicht nur als Ikone auftreten, sondern ja erst durch ihren geschichtliche Prozesshaftigkeit und ihrer taktilen Realität zur Ikone wurden und somit überzeitliche Wirksamkeit erhalten haben – diese Bilder also gilt es als Faustkeil für eigenes Forschen anzupacken.

Ich wünsche daher engagiertes Probebohren und tiefe Erkenntnisse hier in unserem Stollen, dem Kunstbunker.

Patrick Ruckdeschel

Stephan Burger und Georg Winter stellen unter dem Arbeitstitel “Dürrer“ im Kunstbunker Nürnberg aus. Signifikante Arbeiten der jeweiligen Position werden zusammen mit Ergebnissen der situationsbedingten Kooperation gezeigt. In den mageren Zeiten knapper Budgets verzichten beide auf die angebotene Abwrackprämie, ignorieren die Misere und stellen Möglichkeiten vor, wie durch angemessenes Produktions- und Rezeptionsverhalten, „gute Kunst“ gemacht, befragt und wieder verworfen werden kann. Beide Künstler kamen zunächst aus dem harmlosen Feld der künstlerischen Fotografie. Mit geschultem Blick und Übung im Umgang mit Bildorganisation werden skulpturale Versuchsanordnungen zur Erkundung von Wirklichkeit und Kunstproduktion vorgestellt und mit den Beteiligten verhandelt. Der Titel einer Arbeit von Stefan Burger „Sprung ins Leere unter Begutachtung einer Expertenkommission“ lässt erahnen was das Publikum in der Tiefe erwartet. Eine Zusammenarbeit mit dem Kunstbunker in Nürnberg liegt im Sinne einer Wurzelbehandlung Nahe. Gilt der Kunstbunker in Nürnberg doch als eine der sichersten Anlagen für Kunst. Tiefe und Beschaffenheit der Räumlichkeiten werden von Burger und Winter programmatisch genutzt. Schaffen sie es dem Bombardement der Regression zu entkommen?

(Georg Winter)

 

www.stefanburger.ch
www.ukiyo-cam.com


Stefan Buger & Georg Winter o.T.(Ausblick an der Schwelle/ Den Konstruktivismus nach 1945 vorausahnend)II 2009

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