Chantal Akerman, Ion Grigorescu / unwahrnehmbar-werden (becoming imperceptible) – kuratiert von Mihaela Chiriac / 15.10.-22.11.2020

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Eröffnung: Donnerstag, 15.10.2020 14-21 Uhr

DER EINLASS IST AUSSCHLIESSLICH MIT MASKE MÖGLICH. DIE BESUCHER*INNENZAHL IST BESCHRÄNKT. BITTE BEACHTEN SIE AUCH IM EINGANGSBEREICH UND BEIM ZUSAMMENSTEHEN AUF DEM VORPLATZ DIE MASKENPFLICHT UND HALTEN SIE AUSREICHEND ABSTAND ZUEINANDER.

Die Ausstellung unwahrnehmbar-werden. Chantal Akerman, Ion Grigorescu stellt zwei herausragende Künstlerpositionen gegenüber. Mit über vierzig genreübergreifenden Filmen und ab Mitte der neunziger Jahre Videoinstallationen, sowie auch autobiographischen Essays wie „My Mother Laughs“ und „A Family in Brussels“ gilt Chantal Akerman (1950-2015) als eine der innovativsten Filmemacherinnen der letzten 50 Jahre. Ion Grigorescu ist als einer der bedeutendsten osteuropäischen Künstler bekannt, dessen filmisches, fotografisches und malerisches Werk seit nun über fünf Jahrzehnten experimentelle Praxis und Ausdrucksformen der Spiritualität vereint. Aus ihrem vielseitigen Schaffen, das in jeweils sehr unterschiedlichen künstlerischen und politischen Kontexten entstand, kristallisiert sich ein Themenkomplex heraus, in dem sich Familiengeschichte, Rituale des Alltags und intime Obsessionen mit Fragen über Heimat und Exil, Identität und Gedächtnis, und das Dokumentarische mit der Autofiktion verquicken.
Als sie mit fünfundzwanzig mit ihrem wegweisenden Jeanne Dielman, 23 Quay du Commerce, 1080 Bruxelles (1975) weltbekannt wurde, hatte Chantal Akerman bereits sechs Filme geschrieben, gedreht, produziert und teilweise gespielt. Es folgten zahlreiche weitere Filme und Videoinstallationen, die zwar ein breites Band an Formaten und Genres durchqueren, bezeichnenderweise jedoch stets Akermans einzigartige Vision des Kinos als körperliches Zeiterlebnis an das Publikum nahebringen. Akermans Deleuzesche und im Sinne des zweiten Gebots jüdische Lesart des Minimalismus als sparsame Formensprache, der sie sich zum Sichtbarmachen des „Minoritären“ bedient, wird in ihren vielen Porträts weiblichen Begehrens besonders deutlich. So in einer Reihe von Kurzfilmen, wie die hier präsentierten Saute ma ville (1968) und dem 2012 von ihr auch als Videoinstallation konzipierten La Chambre (1972), in denen Akerman sich selbst nicht ohne Humor in einem mal klaustrophobisch, mal schützend wirkenden häuslichen Umfeld inszeniert. Als Tochter einer jüdisch-polnischen Mutter, die dem Holocaust entkam, beschäftigte sich Akerman in ihrem gesamten Schaffen, so auch in ihrem letzten Film No Home Movie (2015), immer wieder mit der Figur der Mutter und dem von ihr Unausgesprochenen, mit der Lücke in der Familiengeschichte, die bis zuletzt unausgefüllt bleiben sollte. Akermans filmischen Essays wie Là-bas (2006), Histoires d‘Amérique (1989) und Dokumentarfilme wie De l‘autre côté (2002) und Sud (1999) binden persönliche Schicksale in historische Geschehen ein und erzählen von den katastrophalen Folgen von Hass, Vertreibung, Krieg.

Auch in Ion Grigorescus Werk bildet die Verschmelzung des Dokumentarischen mit der Autofiktion eine formale wie inhaltliche Konstante vor der Folie politischer und sozialer Umstände (kommunistische Diktatur, der stotternde Übergang des Landes in die Demokratie, zerstörte urbane Landschaften, materielle Armut vs. moralische Verkommenheit). Aus einer ambivalenten, stets hinterfragenden Position heraus entwickelt Grigorescu seine konzeptuelle und performative Praxis und die intime, improvisierte, provokative Qualität seines filmischen, fotografischen und malerischen Werkes, von dem hier eine Auswahl präsentiert wird. Seine während einer langen Zeitspanne entstandenen und zum Teil weniger bekannten tagebuchartigen Aufnahmen von Ruinen, Mahlzeiten und Überbleibseln, häuslichen Räumlichkeiten, Gärten, Familien- und Freundeskreis erscheinen bescheiden und doch essenziell. Grigorescus transgressiven Selbstporträts entwerfen ein modifiziertes, sich in Bewegung befindendes Bild der Männlichkeit, das Geschlechterrollen in Frage stellt und überschreitet. So wenn er sich in den Akt des Gebärens hineinversetzt oder tägliche Hausarbeiten zugleich als Ritual der Selbstfindung, Überlebensmechanismus und gesellschaftlichen Kommentar in seine künstlerische Praxis integriert. Ion Grigorescus idiosynkratisches Werk entzieht sich dem bequemen Zugang durch die Vermählung einer antiautoritären Verweigerungsstrategie mit der Neuerfindung aus seiner Neigung zur Spiritualität heraus.

Beide Künstler entwerfen und verdichten in ihren Werken Sprachen des Alltags, wodurch sie zum einen zur wachsenden Bedeutung dieser Thematik in den Diskursen und Kunstformen ab den 60er und 70er Jahren ihre einzigartigen Beiträge leisten. Zum anderen offenbaren sie eine sie auszeichnende und verbindende politisch und spirituell motivierte Empathie für das zerbrechlich Menschliche, das sich im Marginalen und augenscheinlich Unbedeutenden widerspiegelt. Für diese Ausstellung wurden Werke ausgewählt, die in den Worten der britischen Filmtheoretikerin Laura Mulvey Topographien des (Er-)Lebens und ihre internen Widersprüchlichkeiten aufdecken––„topographies of living and their internal contradictions“––und die in der Gegenüberstellung historischer Kontexte und persönlicher Geschichten fortwährend aktuelle und dringliche Fragen über Begehren und ethische Verantwortung in der Begegnung mit dem Anderen erheben.

Kuratiert von Mihaela Chiriac

 

Als Teil der Ausstellung finden zu einzelnen Terminen Filmvorführungen statt. Am 1.11. und am 22.11. wird Mihaela Chiriac persönlich durch die Ausstellung führen. Leider ist aufgrund der aktuellen Situation die Teilnehmer*innenzahl begrenzt. Bitte melden Sie sich für Screenings und/oder Führungen unter anmeldung@kunstbunker-nuernberg.org an.

Screenings of selected films by Chantal Akerman as well as two guided tours will accompany the exhibition. The number of participants is limited due to the current health measures. Please register your attendance to any of the listed events at anmeldung@kunstbunker-nuernberg.org.

 

FILMPROGRAMM & FÜHRUNGEN / SCREENINGS & GUIDED TOURS
Alle Filme OmU (eng) oder im Original (eng) / all films OV with English subtitles or OV (En)

15.10.2020
   6:30 pm: Saute ma ville, 1968, 13 min

18.10.2020   4:00 pm: From the Other Side, 2002, 103 min

25.10.2020   
4:00 pm: South, 1999, 71 min

01.11.2020   3:30 pm: Führung mit / tour through the exhibition with Mihaela Chiriac

01.11.2020   4:00 pm: Down There, 2006, 79 min

05.11.2020
   6:30 pm: Saute ma ville, 1968, 13 min

08.11.2020
   4:00 pm: Le 15/8, 1973, 42 min

15.11.2020
   4:00 pm: No Home Movie, 2015, 113 min

22.11.2020
   3:30 pm: Führung mit / tour through the exhibition with Mihaela Chiriac

22.11.2020   4:00 pm: Histoires d‘Amérique: Food, Family and Philosophy, 1989, 92 min

 

Mihaela Chiriac bedankt sich an / Special thanks to:
Sylviane Akerman, CINEMATEK – Royal Film Archive of Belgium, Fondation Chantal Akerman
, Ion Grigorescu, Boglárka Nagy, Gregor Podnar, Berlin
, Adam Roberts (A Nos Amours), The Party Film Sales

und an/as well as:
Eva, Mike, Michael, Jim, Elke, Rebecca, Maria, Eva, Marian, Melissa, Nico, Terry, Vajra, Cata, Ana, Marieta, Mica, Vali, and Mark.

Die Ausstellung wird gefördert durch / the exhibition is made possible by:
Bezirk Mittelfranken, Kulturreferat der Stadt Nürnberg, zumikon-Kulturstiftung.

 

Mihaela Chiriac (*1984 in Brasov, Rumänien) arbeitet als freie Kuratorin und Autorin in Berlin. Sie studierte Kunstgeschichte und Theater- und Medienwissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Als Mitbegründerin des kuratorischen Projektes und gleichnamigen Ausstellungsraums Stations hat sie zusammen mit Melissa Canbaz in Deutschland erstmalige Präsentationen junger, sowie auch historischer Positionen organisiert und mit der Vortrags-, Film- und Musikreihe Balkon ein interdisziplinäres Programm konzipiert, das auf den Standort des Raumes in Berlin-Kreuzberg Bezug nimmt.

 

***ENGLISH VERSION***
The exhibition becoming imperceptible. Chantal Akerman, Ion Grigorescu brings together two outstanding artists. With over forty films, numerous video installations and autobiographical essays like „My Mother Laughs“ and „A Family in Brussels“, Chantal Akerman (1950–2015) is considered to be one of the most innovative filmmakers of the past fifty years. Ion Grigorescu (*1945) is one of the most prominent Eastern European artists whose multifaceted oeuvre incorporates both an experimental practice and the expression of spirituality. Akerman and Grigorescu were born in Brussels and Bucharest, respectively; their artistic output emerged in two very dissimilar political and cultural contexts. Yet both their oeuvres crystallize a complex set of themes and motifs that meld documentary with autofiction, and questions on exile, identity, and memory with imagery of the private. While in a broader sense their respective work relates to the intellectual discourse of the ’60s and ’70s concerning the integration of life in art, their portrayals of home and interiority, daily rituals, intimate obsessions, and family history are unique in their vision and in their particular empathy for the prosaic, the marginal, and the minoritarian. The exhibition brings forth a selection of works by Akerman and Grigorescu which, in British film theorist Laura Mulvey’s words, trace the “topographies of living and their internal contradictions.” Against the backdrop of their historical contexts and personal histories, Akerman’s and Grigorescu’s works confront us with questions on desire and ethical responsibility in facing the Other.
Chantal Akerman’s groundbreaking work is that of a filmmaker, a writer, and an artist—in no particular order. Very early on, in her twenties, Akerman had already devised her own cinematic language by repurposing the cool minimal formalism of Snow and Warhol into a vehicle for (auto)fictional narrative and a formal intensifier of the corporeal, durational experience of viewing. In her cinema (exploring many genres) and video installations, the text and the act of writing are a driving force that she often references on a diegetic as well as a formal level, adding a diaristic, confessional component to many of her works. The narratives of Akerman’s films emerge from a particularly strong, well-determined tension between the inner and the outer world, between interiors, images of the city, and landscapes, between soundscapes and silences. Akerman’s films and videos are an intimate time-space for the viewer to inhabit. Her “Deleuzian”––and, with the second commandment in mind, Jewish––reading of minimalism, led her to employ what she called a “poor” cinematic language, a restricted vocabulary that helped her reveal stances of the minor and “minoritarian.” She has done so most notably in her portrayals of women and female desire, in some of which she would play herself. In her experimental short films Saute ma ville (1968), La Chambre (originating from 1972 and recreated by Akerman as a video installation in 2012), and La paresse (1986) Akerman can be seen inside her home, an environment that seemingly both protects her and triggers claustrophobic reactions. 
Many of these filmic self-portraits quite humorously disguise tragedy as slapstick. The daughter of a Polish Jewish Holocaust survivor, Akerman gravitated in life and work around the figure of her mother Natalia and the untold and untellable history of her family. Her last film, No Home Movie (2015), is a final and sorrowfully failed attempt at finding answers. The mother as a topos of home shatters with Natalia’s disappearance. Similarly, Akerman’s documentaries and filmic essays Là-bas (2006), De l’autre côté (2002), Sud (1999), and Histoires d’Amérique (1989) speak of the ruinous consequences of hatred, war, and displacement.
Ion Grigorescu’s diverse artistic output, much of which was only disclosed after the fall of the Communist regime in 1989, consists of photographs, films and videos, painting, and diaristic writing, as well as his restorations of church murals and icons, the latter being a form of work he began in the mid-’80s and continues up to this day. 
Grigorescu’s artistic experiments started in the late ’60s, targeting “real images” and a realism that was generally rejected by many of his peers who, like him, did not conform to the histrionic, declamatory varieties of official socialist “realism.” Unlike Grigorescu, though, many artists of the time were attracted to the various languages of modernist abstraction, removed from the direct political implications of realism. Grigorescu instead felt a need to document what his eyes saw––a raw impulse that incorporated both the public and the private and transgressed what censorship, the ideology of the “new man,” and the pseudo-morality of Communist society expected and allowed.
The implications of this interest led Grigorescu to reject the strict formation of a style in his work—in other words, to reject adherence to any single artistic identity. If one looks for a center, none is to be found. Throughout his life and work, Grigorescu has explored the margins, diffusing (enriching) meaning through a consistent tactic of obfuscation and improvisation. His films and photographs leap indiscriminately from the personal to the public, as do his diaries, which change registers nearly unnoticeably between descriptions of dreams, daily records, and intimate musings on art, spirituality, and society. His images of ruins, leftovers, interiors, gatherings, doors, hallways, and nourishment emerge as humble and yet essential. Grigorescu’s “self-performances” for and with the camera are raw and unassuming, conceiving a modified image of masculinity that challenges and transgresses gender roles i.e. by symbolically enacting birth-giving and by making domestic activities integral to his practice as a sort of survival strategy and ritual of self-discovery.
A nomad in many ways, Chantal Akerman never acquiesced to being co-opted by any single project. Settling only within the nomadic home of her Jewish heritage, Akerman’s work is her very distinctive écriture féminine––an appeal French writer Hèléne Cixous made in her text The Laugh of the Medusa (1975), specifically to women and obliquely to men, as a means of breaking the mold of an enduring historical pattern. Similarly, Ion Grigorescu has managed to elude and perhaps perplex his critics to this day with an idiosyncratic oeuvre––a chaosmos, to remain in Cixous’s realm––that conjugates a persistent tactic of anti-authoritarian refusal and re-invention to his propensity to tradition and spirituality.

Curated by Mihaela Chiriac


Chantal Akerman, La Chambre, 1972, (film still), courtesy: Collections CINEMATEK © Chantal Akerman Foundation.
Ion Grigorescu, Self-portrait at the hotel, 1979, courtesy: Ion Grigorescu, Galerie Podnar, Berlin.  


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