Chantal Akerman, Ion Grigorescu / unwahrnehmbar-werden (becoming imperceptible) / 15.5.-28.6.2020 / VERSCHOBEN

Die für den 15.Mai angesetzte Ausstellung, kuratiert von Mihaela Chiriac, müssen wir leider aufgrund der aktuellen Situation auf unbestimmte Zeit verschieben.

Die Ausstellung unwahrnehmbar-werden. Chantal Akerman / Ion Grigorescu nimmt sich vor, zwei herausragende Künstlerpositionen gegenüberzustellen. Chantal Akerman (1950–2015) und Ion Grigorescu (*1945) kamen als Vertreter der ersten Nachkriegsgeneration in Brüssel bzw. Bukarest zur Welt. Aus ihrem vielfältigen Schaffen, das in jeweils sehr unterschiedlichen künstlerischen und politischen Kontexten entstand, kristallisiert sich ein Komplex von Themen und Motiven heraus, in dem sich Familiengeschichte, Rituale des Alltags und intime Obsessionen mit Fragen über Exil, Identität und Gedächtnis, und das Dokumentarische mit der Autofiktion verquicken. Beide Künstler verdichten in ihrem Werk Sprachen des Alltags, wodurch sie zum einen mit dem wachsenden zeitgenössischen Interesse harmonisieren, das dieser Thematik in den Diskursen und Kunstformen der 60er und 70er Jahre gewidmet wurde, als sie ihre ersten Filme und Arbeiten produzierten. Zum anderen offenbart sich in ihren jeweiligen Werken eine einzigartige und sie verbindende Empathie für das zerbrechlich-Menschliche, das dem Prosaischen, dem augenscheinlich Unbedeutenden und Marginalen zugrunde liegt – eine Empathie, die in beiden Fällen persönlich, politisch und spirituell motiviert ist. Ausgewählt sind Werke, welche Topographien des (Er-)Lebens und ihre internen Widersprüchlichkeiten thematisieren – in Laura Mulveys Worten „topographies of living and their internal contradictions“: vor dem Hintergrund historischer Kontexte und persönlicher Geschichten, erheben sich Fragen über Begehren und ethische Verantwortung in der Begegnung mit dem Anderen.

Bereits sehr früh in ihrem Schaffen entwickelt Chantal Akerman eine eigene Filmsprache, die sich später auch in ihren Videoinstallationen wiederfindet. Den kühlen minimalistischen Formalismus von Snow und Warhol deutet sie neu, um mit intensivem Kamerablick und sparsamem Vokabular fiktionale und autobiographische Narrative in der Form eines performativen Zeiterlebnisses an das Publikum zu übertragen. Akermans ‚deleuzesche‘ – und, im Sinne des zweiten Gebots, jüdische – Lesart des Minimalismus, als ‚arme‘ und direkte Formensprache, die ihr zum Sichtbarmachen des Marginalen und „Minoritären“ dient, ist in ihren zahlreichen Frauenporträts besonders deutlich, man kann auch sagen: in ihren Porträts weiblichen Begehrens, in denen Fiktion und Autobiographie ineinander übergehen. So in einer Reihe von Kurzfilmen wie Saute ma ville (1968), La Chambre (1972), La paresse (1986) und L’homme à la valise (1983), in denen Akerman sich selbst nicht ohne Humor in einem zugleich klaustrophobisch und schützend wirkenden häuslichen Umfeld inszeniert. Als Tochter einer jüdisch-polnischen Mutter, die dem Vernichtungslager in Ausschwitz entkommen konnte, beschäftigte sich Akerman vor allem in ihrem späteren Schaffen immer wieder und direkter mit der Figur der Mutter und dem von ihr Unausgesprochenen, mit der Lücke in der Familiengeschichte, die auch nach ihrem Tod unausgefüllt bleiben sollte. Akermans letzter Film, No Home Movie (2015), ist ein schmerzvoll gescheiterter Versuch sich der kurz darauf verstorbenen Mutter Natalia mit diesen Fragen anzunähern. Die Mutter als Referenzpunkt, als Topos eines Zuhauses, zersplittert mit ihrem Verschwinden. So handeln auch Akermans filmische Essays wie Là-bas (2006) und Dokumentarfilme wie Sud (1999) über die katastrophalen Folgen von Rassismus, Vertreibung, Krieg.

Auch in Ion Grigorescus heterogenem Werk bildet die Verschmelzung des Dokumentarischen mit der Autofiktion eine formale wie inhaltliche Konstante vor der Folie des geschichtlichen Schicksals des Landes, in dem er geboren wurde und bis heute sein Leben verbringt. Grigorescus frühes Schaffen konnte in seiner Fülle erst nach 1990 an die Öffentlichkeit gebracht werden, da sein größter Teil in Abgrenzung zur Pseudomoral der von der kommunistischen Partei entworfenen Gesellschaft und ihrer Zensur entstand. Als er jedoch 1977 die einmalige Chance hatte, nach Zürich und Paris zu reisen und dort Asyl zu ersuchen, entschied sich Grigorescu zu seiner eigenen Marginalität zurückzukehren: zurück, also, zu der ‚kleinen‘ Kultur seines Landes und zu einer teils erzwungenen, teils selbstgewählten marginalen Position innerhalb dieser Kultur. Aus einer ambivalenten Stellung heraus entwickelt Grigorescu seine künstlerische Praxis und die intime, improvisierte, verschleiernde, provokative Qualität seines filmischen, fotografischen und malerischen Werkes. Seine während einer langen Zeitspanne entstandenen und etwas weniger bekannten tagebuchartigen Fotografien von Ruinen, Essensresten, häuslichen Räumlichkeiten, Gärten, privaten Versammlungen erscheinen bescheiden und doch essenziell. Grigorescus performativ-transgressive Selbstporträts entwerfen ein modifiziertes, sich in Bewegung befindendes Bild der Männlichkeit, das Geschlechterrollen in Frage stellt und überschreitet, wenn er symbolisch eine Geburt nachempfindet und tägliche Hausarbeiten als eine Art Ritual der Selbstfindung verrichtet. Mitte der 80er zieht sich Grigorescu aus der Bukarester Kunstszene schließlich bis Anfang der 90er zurück um Kirchenmalereien zu restaurieren, eine Tätigkeit, der er sich bis heute in begrenztem Maße widmet. Die Übergänge zwischen der kanonischen Wandmalerei und Grigorescus Praxis „zeitgenössischer Kunst“ sind nur augenscheinlich widersprüchlich, tatsächlich koexistieren sie und fließen ineinander.

Auch im Hinblick auf ihre Familiengeschichte sich als nomadisch verstehend, wollte sich Chantal Akerman nie als feministische oder lesbische Filmemacherin vereinnahmen lassen oder in einzelnen Projekten „zuhause“ sein, trotz ihres unbezweifelbaren und wegweisenden Mitwirkens an diesen Anliegen. Ähnlich kompliziert auch Grigorescus idiosynkratisches Werk den Zugang durch die Vermählung einer antiautoritären Verweigerungs- und Verschleierungsstrategie mit der Neuerfindung aus seiner Neigung zur Spiritualität und Tradition heraus.

Unwahrnehmbar-Werden, also, als Nicht-Erstarren.

Mihaela Chiriac

Als Teil der Ausstellung unwahrnehmbar-werden. Chantal Akerman / Ion Grigorescu ist die Vorführung einer Auswahl von Filmen von Chantal Akerman an einzelnen Terminen geplant. Aufgrund der aktuellen Covid-19-Pandemie wird die Ausstellung bis auf Weiteres verschoben.


Chantal Akerman, La Chambre, 1972, (film still), courtesy: Chantal Akerman Foundation and Cinematek, Brussels.
Ion Grigorescu, Self-portrait at the hotel, 1979, courtesy: Ion Grigorescu, Galerie Podnar, Berlin.  


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