Chantal Akerman, Ion Grigorescu / unwahrnehmbar-werden (becoming imperceptible) / 15.10.-22.11.2020

Die Ausstellung unwahrnehmbar-werden. Chantal Akerman / Ion Grigorescu nimmt sich vor zwei herausragende Künstlerpositionen gegenüberzustellen. Chantal Akerman (1950–2015) und Ion Grigorescu (*1945) kamen als Vertreter der ersten Nachkriegsgeneration in Brüssel bzw. Bukarest zur Welt. Aus ihrem vielfältigen Schaffen, das in jeweils sehr unterschiedlichen künstlerischen und politischen Kontexten entstand, kristallisiert sich ein Komplex von Themen und Motiven heraus, in dem sich Familiengeschichte, Rituale des Alltags und intime Obsessionen, mit Fragen über Exil, Identität und Gedächtnis, und das Dokumentarische mit der Autofiktion verquicken. Beide Künstler verdichten in ihrem Werk Sprachen des Alltags, wodurch sie zum einen mit dem wachsenden zeitgenössischen Interesse harmonisieren, das dieser Thematik in den Diskursen und Kunstformen der 60er und 70er Jahre gewidmet wurde, als sie ihre ersten Filme und Arbeiten produzierten. Zum anderen offenbart sich in ihren jeweiligen Werken eine einzigartige und sie verbindende Empathie für das zerbrechlich-Menschliche, das dem Prosaischen, dem augenscheinlich Unbedeutenden und Marginalen zugrunde liegt – eine Empathie, die in beiden Fällen persönlich, politisch und spirituell motiviert ist. Ausgewählt sind Werke, welche Topographien des (Er-)Lebens und ihre internen Widersprüchlichkeiten thematisieren – in Laura Mulveys Worten „topographies of living and their internal contradictions“: vor dem Hintergrund historischer Kontexte und persönlicher Geschichten, erheben sich Fragen über Begehren und ethische Verantwortung in der Begegnung mit dem Anderen.

Bereits sehr früh in ihrem Schaffen entwickelt Chantal Akerman eine eigene Filmsprache, die sich später auch in ihren Videoinstallationen wiederfindet. Den kühlen minimalistischen Formalismus von Snow und Warhol deutet sie neu, um mit intensivem Kamerablick und sparsames Vokabular fiktionale und autobiographische Narrative in der Form eines performativen Zeiterlebnisses an das Publikum zu übertragen. Akermans ‚deleuzesche‘ – und, im Sinne des zweiten Gebots, jüdische – Lesart des Minimalismus, als ‚arme‘ und direkte Formensprache, die ihr zum Sichtbarmachen des Marginalen und „Minoritären“ dient, ist in ihren zahlreichen Frauenporträts besonders deutlich, man kann auch sagen: in ihren Porträts weiblichen Begehrens, in denen Fiktion und Autobiographie ineinander übergehen. So in einer Reihe von Kurzfilmen wie Saute ma ville (1968), La Chambre (1972), La paresse (1986) und L’homme à la valise (1983), in denen Akerman sich selbst nicht ohne Humor in einem zugleich klaustrophobisch und schützend wirkenden häuslichen Umfeld inszeniert. Als Tochter einer jüdisch-polnischen Mutter, die dem Vernichtungslager in Auschwitz entkommen konnte, beschäftigte sich Akerman vor allem in ihrem späteren Schaffen immer wieder und direkter mit der Figur der Mutter und dem von ihr Unausgesprochenen, mit der Lücke in der Familiengeschichte, die auch nach ihrem Tod unausgefüllt bleiben sollte. Akermans letzter Film, No Home Movie (2015), ist ein schmerzvoll gescheiterter Versuch sich der kurz darauf verstorbenen Mutter Natalia mit diesen Fragen anzunähern. Die Mutter als Referenzpunkt, als Topos eines Zuhauses zersplittert mit ihrem Verschwinden. So handeln auch Akermans filmische Essays wie Là-bas (2006) und Dokumentarfilme wie Sud (1999) über die katastrophalen Folgen von Rassismus, Vertreibung, Krieg.

Auch in Ion Grigorescus heterogenem Werk bildet die Verschmelzung des Dokumentarischen mit der Autofiktion eine formale wie inhaltliche Konstante vor der Folie des geschichtlichen Schicksals des Landes, in dem er geboren wurde und bis heute sein Leben verbringt. Grigorescus frühes Schaffen konnte in seiner Fülle erst nach 1990 an die Öffentlichkeit gebracht werden, da sein größter Teil in Abgrenzung zur Pseudomoral der von der kommunistischen Partei entworfenen Gesellschaft und ihrer Zensur entstand. Als er jedoch 1977 die einmalige Chance hatte, nach Zürich und Paris zu reisen und dort Asyl zu ersuchen, entschied sich Grigorescu zu seiner eigenen Marginalität zurückzukehren: zurück, also, zu der ‘kleinen’ Kultur seines Landes und zu einer teils erzwungenen, teils selbstgewählten marginalen Position innerhalb dieser Kultur. Aus einer ambivalenten Stellung heraus entwickelt Grigorescu seine künstlerische Praxis und die intime, improvisierte, verschleiernde, provokative Qualität seines filmischen, fotografischen und malerischen Werkes. Seine während einer langen Zeitspanne entstandenen und etwas weniger bekannten tagebuchartigen Fotografien von Ruinen, Essensresten, häuslichen Räumlichkeiten, Gärten, privaten Versammlungen erscheinen bescheiden und doch essenziell. Grigorescus performativ-transgressiven Selbstporträts entwerfen ein modifiziertes, sich in Bewegung befindendes Bild der Männlichkeit, das Geschlechterrollen in Frage stellt und überschreitet, wenn er symbolisch eine Geburt nachempfindet und tägliche Hausarbeiten als eine Art Ritual der Selbstfindung verrichtet. Mitte der ’80er zieht sich Grigorescu aus der Bukarester Kunstszene schließlich bis Anfang der ’90er zurück um Kirchenmalereien zu restaurieren, eine Tätigkeit, der er sich bis heute in begrenztem Maße widmet. Die Übergänge zwischen der kanonischen Wandmalerei und Grigorescus Praxis „zeitgenössischer Kunst“ sind augenscheinlich widersprüchlich, tatsächlich koexistieren sie und fließen ineinander.

Auch im Hinblick auf ihre Familiengeschichte sich als nomadisch verstehend, wollte sich Chantal Akerman nie als feministische oder lesbische Filmemacherin vereinnahmen lassen oder sich in einzelnen Projekten „zuhause“ befinden, trotz ihres unbezweifelbaren und wegweisenden Mitwirkens an diesen Anliegen. Ähnlich kompliziert auch Grigorescus idiosynkratisches Werk den Zugang durch die Vermählung einer antiautoritären Verweigerungs- und Verschleierungsstrategie mit der Neuerfindung aus seiner Neigung zur Spiritualität und Tradition heraus.

Unwahrnehmbar-Werden, also, als Nicht-Erstarren.

Mihaela Chiriac

 

The exhibition becoming imperceptible. Chantal Akerman / Ion Grigorescu proposes the encounter of two outstanding artists. Chantal Akerman (1950-2015) and Ion Grigorescu (*1945) were born in Brussels and Bucharest, respectively, representing two very dissimilar political and cultural contexts from which their artistic output emerged. Yet, both their oeuvres crystallize a complex set of themes and motifs melding the documentary with autofiction, and questions on exile, identity and memory with imagery of the private. While in a broader sense their respective work relates to the intellectual discourse of the 60s and 70s concerning the integration of life in art, their portrayals of home and interiority, daily rituals, intimate obsessions, and family history are unique in their vision and in their particular empathy for the prosaic, the marginal and the minoritarian. The exhibition brings forth a selection of works by Akerman and Grigorescu which, in Laura Mulvey’s words, trace the „topographies of living and their internal contradictions.“ Against the backdrop of the historical context and personal histories, Akerman’s and Grigorescu’s works confront us with questions on desire and ethical responsibility in facing the Other.


Chantal Akerman’s groundbreaking work is that of a filmmaker’s, a writer’s, an artist’s, in no particular order. Very early on, in her twenties, Akerman had already devised her own cinematic language by repurposing the cool minimal formalism of Snow and Warhol into a vehicle for (auto)fictional narratives and a formal intensifier of the corporeal, durational experience of viewing. In her cinema (exploring many genres) and video installations, the text and the act of writing are a driving force she often references on a diegetic as well as on a formal level, adding a diaristic, confessional component to many of her works. The narratives of Akerman’s films emerge from a particularly strong, well-determined tension between the inner and the outer world, between interiors, images of the city and landscapes, between soundscapes and silences. Akerman’s films and videos are an intimate time-space for the viewer to inhabit. Her ‚Deleuzian‘––and, with the second commandment in mind, Jewish––reading of minimalism, led her to employing what she called a ‚poor’ cinematic language, a restricted vocabulary that helped her reveal stances of the minor and ‚minoritarian.‘ Most notably she has done so in her many portrayals of women and female desire, some of which she would play herself. In her experimental short films Saute ma ville (1968), La Chambre (1972), La paresse (1986) Akerman can be seen inside her home, an environment that seemingly both protects and triggers claustrophobic, maniacal reactions. Many of her filmic self-portraits quite humorously disguise tragedy as slapstick. The daughter of a Polish Jewish Holocaust survivor, Akerman gravitated in life and work around the figure of her mother Natalia and the untold and untellable history of her family. Her last film No Home Movie (2015) is a final and sorrowfully failed attempt at finding answers. The mother as a topos of home shatters with Natalia’s disappearance. Similarly, Akerman’s documentaries and filmic essays Là-bas (2006), De l’autre côté (2002) and Sud (1999) speak of the ruinous consequences of war, racism, displacement.


Ion Grigorescu’s diverse artistic output, some of it only disclosed after the fall of the communist regime in 1989, consists of photographs, films and videos, painting, diaristic writing, as well as his restorations of church murals and icons, the latter being a work he began in the mid ’80s and has been pursuing up to this day. Grigorescu’s artistic experiments started in the late ’60s and targeted ‚real images‘ and a realism that was generally rejected by many of his peers who, like him, were not catering to the various histrionic, declamatory varieties of the official socialist ‚realism.‘ Unlike him, though, in the artistic landscape of the time, not all, but many felt more attracted to the various languages of modernist abstraction, away from the political implications of realism. Grigorescu instead felt a need to document what his eye saw––a raw impulse incorporating both the public and the private and transgressing what censorship, the design of the ‚new man,‘ and the pseudo-morality of communist society expected and allowed. The implications of this desire led Grigorescu to rejecting the strict formation of a style in his work, in other words rejecting adherence to any single artistic identity. If one looks for a center, none is to be found. Ion Grigorescu has been exploring the margins throughout his biography as well as in his work, diffusing meaning through a consistent tactic of obfuscation and improvisation. His films and photographs leap indiscriminately from the personal to the public, similarly to his diaries which change registers nearly unnoticeably between his dream notations, daily records, and intimate musings on art, spirituality, society. His images of ruins, leftovers, interiors, gatherings, doors, hallways, nourishment emerge as humble and yet essential. Grigorescu’s ‚self-performances’ for and with the camera, are raw and unassuming, conceiving a modified image of masculinity that challenges and transgresses gender roles by symbolically enacting birth-giving and by performing domestic activities as a sort of ritual of self-discovery.

A nomad in many ways, Chantal Akerman never acquiesced to being coopted by any single project. Settling only within the nomadic home she had in her Jewish heritage, Akerman’s work is her very distinctive écriture féminine––an encouragement French writer Hèléne Cixous addressed in her text The Laugh of the Medusa (1975) specifically to women and obliquely to men, as a means of breaking the mold of an enduring historical pattern. Similarly, Ion Grigorescu has managed to elude and perhaps perplex his critics to this day with an oeuvre so idiosyncratic, a chaosmos, to remain in Cixous’ realm, that conjugates a persistent tactic of anti-authoritarian refusal and re-invention to a propensity to tradition and spirituality that are seemingly contradictory in contemporary art. Between their works ties are created and recreate each other, un-numbing, becoming-imperceptible.

Mihaela Chiriac

 

 


Chantal Akerman, La Chambre, 1972, (film still), courtesy: Chantal Akerman Foundation and Cinematek, Brussels.
Ion Grigorescu, Self-portrait at the hotel, 1979, courtesy: Ion Grigorescu, Galerie Podnar, Berlin.  


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